Verbfunktionalität und Ergativität in der Zaza-Sprache

17. Februar 2016 | Kategorie: Publikationen

Dissertation von İlyas Arslan

İlyas Arslan hat seine Dissertation zum Thema „Verbfunktionalität und Ergativität in der Zaza-Sprache“ im Februar 2016 an der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf eingereicht.

Kurze Zusammenfassung der Arbeit:
Ziel dieser Arbeit war zum einen, die Basisstruktur der Verben der Zaza-Sprache zu entwi-ckeln. Zum zweiten ging es darum das bisher nur oberflächlich behandeltes Thema Ergativität im Zaza detailliert zu untersuchen. Kapitel eins gab einen Überblick über die bedrohte irani-sche Sprache Zazaki und über einige ihre wissenswerten Eigenschaften. Kapitel zwei stellt zunächst die morphologisch und/oder syntaktisch ergativen Sprachen der Welt anhand mehre-rer Beispielen dar. Die Verbfunktionalität des Zaza wird im Kapitel drei behandelt, welches der Kern dieser Arbeit ist. Kapitel vier behandelte das Thema der Ergativität bezogen auf die Zaza-Sprache.

Analytischer Ausgangspunkt des zentralen Kapitels drei der Arbeit waren die Konstrukts der Role and Reference Grammar (RRG). Dieses Kapitel nahm sich vor, die Grundstruktur der Verben im Zaza mittels der Instrumente der RRG herauszuarbeiten. Zunächst wurden die syn-taktischen Strukturen der Verben in §3.1 dargestellt. Operatoren, syntaktische Relationen, privilegierte syntaktische Argumente und Junkturen wurden im ersten Teil dieses Kapitels behandelt. Es stellte sich heraus, dass das Zaza interessante Operatoren zur Verfügung stellt. Zum zweiten wurden unter der Rubrik „Semantik“ die lexikalische Darstellung und logische Struktur der Verben sowie ihre Makrorollen untersucht. Zum dritten mussten diejenigen morphosyntaktischen Eigenschaften der Zaza-Verben untersucht werden, die innerhalb der RRG nicht behandelt worden waren. In alldem wurde versucht, meine Darstellung durch zahl-reiche Beispiele zu illustrieren und zu untermauern. Die Frage, ob die morphologischen Stammbildungstypen mit der semantischen Klassen der Verben in direkter Relation stehen, war eines der hauptsätzlichen Ziele dieser Arbeit. Die Prüfung zeigte, dass die Stammbil-dungsmorpheme für die Bildung der semantischen Klassen keine Rolle spielen. Diese Mor-pheme üben aber mehrere morphosyntaktischen Funktionen aus. Sie markieren Diathese, Transitivität, Agentivität und vieles mehr. Durch diese Morpheme sind die Kategorien der Verben eindeutig geregelt. Ein weiteres, für die Frage der Ergativität ebenfalls relevantes Re-sultat war, dass es im Zaza keine Verben gibt, die sowohl intransitiv als auch transitiv sind. Ein Verb ist entweder intransitiv oder transitiv. Die Klasse der atransitiven Verben existiert im Zaza nicht.

Kapitel vier präsentierte die Entwicklung der Ergativität in den iranischen Sprachen in histori-scher Reihenfolge vom Anfang bis zu den modernen iranischen Sprachen. Die benachbarten und nahverwandten indischen Sprachen wurden in diesen Teil ebenfalls einbezogen, da sie sehr ähnliche Entwicklungen aufweisen. Anhand der Beispiele von den altiranischen Sprachen Altpersisch und Awestisch stellte sich heraus, dass diese nicht ergativ sind. Auch die altindischen Sprachen wie Vedisch wiesen dieses Charakteristikum nicht auf, sondern waren akkusativisch. Der Anfang der Ergativität liegt sowohl für das iranische als auch für das indi-sche Sprachterritorium im mittleren Stadium. Hierbei war die Entwicklung in den benachbar-ten indischen und iranischen Räumen gleichlaufend. Die Rückkehr zum akkusativischen Sys-tem im neueren Stadium zeigt ebenfalls einen synchronen Werdegang. Während einige indi-sche Sprachen noch eine gespaltene Morphologie haben, haben andere wie Oriya und Bengali eine akkusativische Morphologie.
Auch im iranischen Gebiet ist der Rückgang zum ursprünglichen System nicht abgeschlossen. Dementsprechend sind die neuiranischen Sprachen in drei Gruppen zu unterteilen:
a. Akkusativische iranische Sprachen (Neupersisch, Dari, Sorani)
b. In Umwandlung begriffene iranische Sprachen (Kurmanji)
c. (Split-)Ergative iranische Sprachen (Zaza, Pastho, Gorani)

Die Ergativität im Zaza ist stabil und daher gehört die Sprache zu Gruppe c. Die ältesten Za-za-Schriften sind auf Anfang des 20. Jahrhunderts datiert. Es sind keine älteren Inschriften überliefert, daher besteht in Bezug auf die Einflüsse auf das Zaza im Hinblick auf die Ergati-vität oder andere linguistische Bereiche große Unklarheit. Obwohl sich dies nicht genau bele-gen lässt, verweisen die vorhandenen außersprachlichen Daten darauf, dass das Zaza die Er-gativität aus seiner ursprünglichen Heimat Dailam übernommen hat.

Die Übernahme blieb aber auf die Morphologie beschränkt und schien keinen Einfluss auf die Syntax zu haben. Ein Beispiel von der heutzutage gesprochenen Zaza-Sprache an dieser Stelle kann das ergative System exakt präsentieren.
(5.1)
a. Kutık-Ø astık-i we-n-o
hund-NOM knochen-OBL essenPRÄS-PRÄS-1sg
‘Der Hund frisst den Knochen.’

b. Kutık-i astık-Ø wer-d-Ø
hund-OBL knochen-NOM essenPRÄS-PRÄTT2-3sgM
‘Der Hund fraß den Knochen.’

Eine direkte Beziehung zwischen der Verbsystem und der Ergativität im Zaza liegt nicht vor. Wäre das Präteritalsuffix des Zaza standardmäßig für alle Verben /-t/ bzw. /-d/, könnte von einem Zusammenhang gesprochen werden. Das ursprüngliche altiranischen /-ta/-Partizip be-schränkt sich auf eine morphologische Verbgruppe (-t) des Zaza. Diese Weiterentwicklung lässt sich nicht verallgemeinern, dass die Zaza Sprache mehrere präteritalen Suffixe hat. Au-ßerdem ist die Ergativität keine indogermanische Eigenschaft, da diese akkusativisch sind.

Außer Hawramani (Gorani) stammen die sprachlichen Daten der iranischen Sprachen von Muttersprachlern, die meistens Akademiker, teilweise Sprachwissenschaftler sind. Die Daten der Informanten befinden sich in Anhang 6.5. Die Beispiele aus dem Zaza stammen aus schriftlichen oder mündlichen Quellen, und wo keine passenden Daten vorlagen, wurden die Beispiele vom Autor selbst geschaffen. Er konnte bis zum sechsten Lebensalter nur die Mut-tersprache Zaza sprechen und verstehen und lernte erst in der Schule Türkisch. In einem Dorf ist er aufgewachsen und hatte sein ganzes Leben lang großes Interesse an seiner Mutterspra-che. Er beherrscht das Zaza in allen Bereichen daher können seine Beispiele als zuverlässig betrachtet werden.

Abschließend wird erneut darauf verwiesen, dass die Lage der Zaza-Sprache wie der vieler anderer bedrohter Sprachen auf der Welt keinen Anlass zu Optimismus gibt. Solange die zu-ständigen Regierungen keine gesetzlichen Regelungen zur lokalen Förderung dieser Sprachen treffen, wird ihr Aussterben in naher Zukunft kaum zu verhindern sein. Neben dem Verlust eines interessanten Forschungsgegenstandes würde dies auch den Untergang einer spezifi-schen Art der sprachlichen Weltbetrachtung bedeuten.

 

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